Kriegsgefangenenlager

Kriegsgefangenenmannschaftsstammlager

der Wehrkreise X und XI

Mindestens eines der vier Kriegsgefangenenmannschaftsstammlager (Stalag) des Wehrkreises X, das Stalag 310/X D Wietzendorf und die vier Stalags des Wehrkreises XI, XI A Altengrabow, XI B Fallingbostel, 311/XI C Bergen-Belsen und 321/XI D Oerbke, fungierten als Zwischenstationen für die im nordwestdeutschen Raum und damit auch in der Stadt und der Region Hannover zur Zwangsarbeit eingesetzten Kriegsgefangenen. Hier wurden sie registriert und einer entwürdigenden Entlausungs- und Untersuchungsprozedur unterzogen. Eine im Stalag angesiedelte Außenstelle des Arbeitsamtes faßte die Kriegsgefangenen dann meist nach Nationalitäten getrennt in Arbeitskommandos mit einer durchschnittlichen Stärke von 30 bis 40 Mann zusammen und vermietete sie je nach Bedarf an Betriebe und Gemeinden. Untergebracht wurden die Arbeitskommandos, unter Bewachung durch bewaffnete Landesschützen, in eingezäunten Lagern. Dazu dienten neben eigens dafür errichteten Baracken, meist Wirtschafts- und Wohngebäude aber auch die Veranstaltungssäle von Gaststätten. Die disziplinarische, arbeitsrechtliche und soziale Verantwortung trug die Kommandantur des Stalags. [1]

 

Stalag 310/X D Wietzendorf

Es wurde zwischen Mai und Juni 1941 am Rande des Truppenübungsplatzes Munster das errichtet und im Juli desselben Jahres ausschließlich für bis zu 50.000 sowjetische Kriegsgefangene in Betrieb genommen. Der Vernichtungsfeldzug gegen die sowjetische Bevölkerung machte auch vor den Toren der Gefangenenlager nicht Halt. Die Rotarmisten wurden auf die kahle Wiese gesperrt, wo man sie sich selbst und dem Tod durch Hunger, Kälte und Krankheit überließ. Im September und Oktober 1941 führte ein Sonderkommando der SS Selektionen unter den Gefangenen durch. Die so ausgesonderten etwa 1.100 vermeintlichen oder tatsächlichen Juden, Politkommissare, Kriegsversehrte und Angehörige der Intelligenz wurden im KZ Sachsenhausen in einer eigens dafür eingerichteten, als Messlatte getarnten Genickschußanlage ermordet. Von November 1941 bis Februar 1942 wurde das Lager wegen einer Flecktyphusepidemie unter Quarantäne gestellt, der 14.000 von 18.000 Gefangenen zum Opfer fielen. Zwischen Juli und August 1942 wurde das Stalag 310 in die okkupierte Sowjetunion verlegt und die Lagereinrichtungen dem Stalag X B Sandbostel als Zweiglager Wietzendorf angegliedert. Bis zur Fertigstellung des Durchgangslagers (Dulag) Lehrte Ende Juli 1942, wurde das Stalag auch als Durchgangsschleuse für Ostarbeiter genutzt. Im November 1943 wurde das Zweiglager aufgelöst. Von Januar 1944 bis zur Befreiung durch die britische Armee am 16. April 1945, diente das Gelände dann als Offizierslager (Oflag) 83 für die Inhaftierung italienischer Offiziere. Danach wurde das Lagergelände zur Unterbringung von Displaced Persons und Flüchtlingen aus den Ostgebieten genutzt. Nach dem Abriß der Baracken siedelte sich hier ein Gärtnereibetrieb an. Auf dem sowjetischen Friedhof in Wietzendorf sind etwa 16.000 Kriegsgefangene in Massengräbern beerdigt. [2]

Provisorische Unterkünfte im Stalag 310/X D  [3]

Sowjetische Kriegsgefangeneim Stalag 310/X D [4]

Massengrab im Stalag 310/X D [5]

 

Stalag XI A Altengrabow

Dieses Lager wurde im September 1939 auf einem Truppenübungsplatz eröffnet. 45.000 bis 60.000 britische, französische, jugoslawische, polnische und sowjetische Kriegsgefangene, von denen ca. 40.000 bis 54.000 im Arbeitseinsatz waren, wurden hier registriert. 1939 wurde das Stalag auch als Durchgangslager für zivile Arbeitskräfte genutzt. Die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen, die 1941 in Altengrabow eintrafen, kamen aus dem Stalag XI C Bergen-Belsen. Ab Mitte November 1941 erreichten sowjetische Gefangene das Stalag direkt aus dem Osten. Altengrabow wurde aber noch im selben Monat wegen einer Fleckfieberepidemie unter Quarantäne gestellt, die erst im Frühjahr 1942 wieder aufgehoben wurde. Mit Kriegsende wurde das Lager aufgehoben und das Gelände von sowjetischen Truppen genutzt. Es existiert eine Kriegsgräberstätte mit einer z. Zt. unbekannten Anzahl von Toten. [6]

Vorder- und Rückseite einer Postkarte des französischen Kriegsgefangenen Albert P. an seine Mutter und Schwester, 1943 [7]

 

Stalag XI B Fallingbostel

Dieses Stalag wurde am 23. September 1939 auf dem Gelände eines, zwischen Fallingbostel und Oerbke gelegenen, Arbeiterlagers in Betrieb genommen. Es verfügte auf einer Fläche von 30 ha über 58 Baracken. Nach einer allerdings unvollständigen Aufstellung der Gefangenenzahlen, waren hier vom 1. September 1941 bis zum 1. Dezember 1944 zwischen 54.581 und 95.294 Kriegsgefangene aus Australien, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Polen, Serbien, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und den USA registriert. Davon waren im selben Zeitraum zwischen 51.760 und 82.902 zur Arbeit abkommandiert. Nur ca. 2.500 Kranke, Arbeitsunfähige und Hilfskräfte hielten sich im Stammlager auf. Im Oktober 1941 und im Herbst 1942 wurden ungefähr 500 selektierte Rotarmisten aus dem Stalag im Arrestbunker des KZ Neuengamme vergast. Etwa 300 Kriegsgefangenen gelang die Flucht. Besonders unter den belgischen, französischen, jugoslawischen und sowjetischen Kriegsgefangenen regte sich organisierter Widerstand, der bis in die Arbeitskommandos reichte. Die von den Kriegsgefangenen selbst organisierten Kulturangebote, wie Theateraufführungen, Sportfeste, Weiterbildung und der Betrieb einer Bibliothek, konnten allerdings nicht über Hunger und Krankheiten hinwegtäuschen. Nach der Befreiung am 13. April 1945 diente das Lager als Flüchtlingsunterkunft. Heute befindet sich auf dem Gelände eine Wohnsiedlung. [8]

Haupteingang des Stalag XI B [9]

Stalag XI B, Zeichnung eines britischen Kriegsgefangenen [10]

Vorder- und Rückseite einer Postkarte des polnischen Kriegsgefangenen Josef B., 1942 [11]

Vorder- und Rückseite einer Postkarte des italienischen Kriegsgefangenen Cecioni M., 1944 [12]

 

Stalag 311/XI C Bergen-Belsen

Schätzungsweise 21.000 Rotarmisten waren seit Juli 1941 in diesem ebenfalls nur für sowjetische Kriegsgefangene eröffneten Lager inhaftiert. Hier forderte die unmenschliche Behandlung etwa 19.500 Tote, die auf der Kriegsgräberstätte Hörsten beerdigt wurden. Das Stalag wurde bis zur Eröffnung des Dulag Lehrte ebenfalls als Schleuse für sowjetische Zivilarbeiter genutzt. Am 10. Juni 1943 wurde das Lager aufgelöst. Das angeschlossene Kriegsgefangenenlazarett wurde dem Stalag XI B angegliedert. Im selben Jahr wurde direkt daneben das Aufenthalts- und Konzentrationslager Bergen-Belsen eröffnet.[13]

Als Krankenschwestern eingesetzte Ostarbeiterinnen im Stalag 311/XI C [14]

Angehörige der Lagerführung des Stalag 311/XI C [15]

 

Stalag 321/XI D in Oerbke

Ebenfalls im Juli 1941 wurde dieses Lager, nach der Errichtung von Sicherungsanlagen durch französische und serbische Kriegsgefangene, ausschließlich für bis zu 30.000 sowjetische Kriegsgefangene in Betrieb genommen. Nach einer vom 15. Juli 1941 bis 1. Dezember 1944 laufenden Aufstellung waren im Stalag XI B und 321/XI D zwischen 2.000 und 30.603 Rotarmisten registriert. Die von August bis Oktober 1941 von der SS ausgesonderten Gefangenen, wurden ebenfalls in den KZs Neuengamme und Sachsenhausen ermordet. Auch in diesem Stalag führten die vorherschenden katastrophalen Ernährungs-, Unterbringungs- und Hygienebedingungen von November 1941 bis Februar 1942 zu einer Fleckfieberepidemie, der 12.000 von 14.000 Gefangenen erlagen. Das Lager wurde ab dem 12. August 1942 dem Stalag XI B angegliedert. 1944 wurde auf dem Gelände das Stalag 357 eingerichtet. Vom 9. November 1944 bis Anfang April 1945 wurden hier 7538 bis ca. 12000 australische, englische, kanadische, südafrikanische und US-amerikanische Luftwaffenangehörige gefangengehalten. Nach der Befreiung am 13. April 1945 durch die Briten, wurden die inzwischen errichteten 63 Holz- und 23 Steinbaracken für die Internierung von Nationalsozialisten genutzt. Nach ihrem Abriß blieb als einziges bauliches Relikt des Lagers die ehemalige Entlausungsanlage über, die der Bundeswehr als Lagerraum dient. Auf der Kriegsgräberstätte in Oerbke sind etwa 30.000 Tote beerdigt. [16]

Wachturm des Stalag 321/XI D, 1941 [17]

Provisorische Unterkünfte im Stalag 321/XI D, 1941 [18]

Stalag 357 (vormals 321/XI D), Luftbild der Royal Air Force vom 14.04.1945 [19]

 

© Helge Kister, 2009



[1] Interview mit S., Stanislaw; 14.04.2004, Hannover

Diverse Gespräche mit Nikolaus C., Hannover 2006 - 2008 

Boiko, Milian; Personalkarte der Stalags XI B und 321/XI D; Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten  

Kriegsgräber Groß Munzel, Gm 0239 Stadtarchiv Barsinghausen 

Aus: Baumann, Hinrich; Die Heidmark. Wandel einer Landschaft. Die Geschichte des Truppenübungsplatzes Bergen; Gemeindefreier Bezirk Osterheide (Landkreis Soltau-Fallingbostel) 2005

Hann. 184 Preußisches Oberbergamt Acc. 25 Nr. 74, 76, 77, Niedersächsisches Bergarchiv Clausthal- Zellerfeld

Foto 3 Nr. 1559, Nr. 1564 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches  Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

[2] Aus: Sowjetische Kriegsgefangene 1941 - 1945. Leiden und Sterben in den Lagern Bergen-Belsen, Fallingbostel, Oerbke, Wietzendorf; Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, 1991

ebd. Diverse

Aus: Anschütz, Janet/Heike, Irmtraud; Feinde im eigenen Land. Zwangsarbeit in Hannover im Zweiten  Weltkrieg; Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2000

[3] Ermittlungsverfahren, Staatsanwaltschaft Hansestadt Hamburg, 147 Js 29/65; Staatsarchiv Hamburg

Bildsammlung, Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] E-Mail von Petry, Silke, Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten an den Autor, 27.02.2009

[7] Archiv des Autors, Arbeitskreis Regionalgeschichte e.V.

[8] Foto 3 Nr. 1905 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

Aus: Baumann, Hinrich; Die Heidmark. Wandel einer Landschaft. Die Geschichte des Truppenübungsplatzes Bergen; Gemeindefreier Bezirk Osterheide (Landkreis Soltau-Fallingbostel) 2005

Aus: Sowjetische Kriegsgefangene 1941 - 1945. Leiden und Sterben in den Lagern Bergen-Belsen, Fallingbostel, Oerbke, Wietzendorf; Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, 1991

[9] Archiv des gemeindefreien Bezirks Osterheide

[10] ebd.

[11] Archiv des Autors, Arbeitskreis Regionalgeschichte e.V.

[12] ebd.

[13] Aus: Baumann, Hinrich; Die Heidmark. Wandel einer Landschaft. Die Geschichte des Truppenübungsplatzes Bergen; Gemeindefreier Bezirk Osterheide (Landkreis Soltau-Fallingbostel) 2005

Aus: Sowjetische Kriegsgefangene 1941 - 1945. Leiden und Sterben in den Lagern Bergen-Belsen, Fallingbostel, Oerbke, Wietzendorf; Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, 1991

[14] 213-12 Staatsanwaltschaft Landgericht Hamburg, Nationalsozialistische Gewaltverbrechen Nr. 0004 Band 007, Staatsarchiv Hamburg, Bildsammlung, Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten

[15] ebd.

[16] Foto 3 Nr. 1904 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

Aus: Baumann, Hinrich; Die Heidmark. Wandel einer Landschaft. Die Geschichte des Truppenübungsplatzes Bergen; Gemeindefreier Bezirk Osterheide (Landkreis Soltau-Fallingbostel) 2005

Aus: Sowjetische Kriegsgefangene 1941 - 1945. Leiden und Sterben in den Lagern Bergen-Belsen, Fallingbostel, Oerbke, Wietzendorf; Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, 1991

[17] Archiv des gemeindefreien Bezirks Osterheide

[18] ebd.

[19] ebd.