Francisco de Goya_Der Schlaf der Vernunft

Arbeitskreis Regionalgeschichte e. V.
Im Dorn 7, 31535 Neustadt am Rübenberge
Tel.: 05032/61705 • Fax: 05032/1879
E-Mail allgemein: ak.reg@t-online.de
E-Mail Forschungsprojekt NS-Zwangsarbeit: ak.regionalgeschichte@htp-tel.de
ak-regionalgeschichte.de


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Acerca de nosotros


„Das Vergangene ist nie tot; es ist nicht einmal vergangen.“
William Faulkner

Regionale und internationale Geschichtsarbeit

Der Arbeitskreis Regionalgeschichte

Weil in den offiziellen Ortschroniken die Zeit des Nationalsozialismus verschwiegen wurde, fand sich in Neustadt am Rübenberge (Region Hannover) 1981 ein Arbeitskreis historisch interessierter BürgerInnen zusammen, die sich mit der tabuisierten Geschichte des früheren Landkreises und der Stadt Neustadt auseinandersetzen wollten. Zunächst wurden dem Vorhaben, die NS-Zeit im konkreten ortsbezogenen Rahmen zu erforschen, von offizieller Seite erhebliche Schwierigkeiten gemacht: der Zutritt zum Stadtarchiv wurde untersagt, gut besuchte Veranstaltungen an der damaligen Kreisvolkshochschule Hannover zum Thema wurden ersatzlos gestrichen und städtische Zuschüsse für Publikationen zur Geschichte der Zeit zwischen 1933 und 1945 verweigert. Unsere erste Dokumentation verursachte 1983 in Neustadt einen Skandal und konnte nur unter dem Ladentisch verkauft werden, was ihrem Absatz jedoch keinen Abbruch tat. Das Interesse war riesig. Die vielen positiven Reaktionen ermutigten uns weiterzumachen. Dafür waren unabhängige Strukturen notwendig: 1994 wurden ein gemeinnütziger Verein und ein Verlag gegründet.

Bald zeigte sich, dass wir uns bei unserer Arbeit nicht auf die Region Hannover beschränken konnten. Das Schicksal der Neustädter Jüdinnen und Juden war vor Ort nicht aufzuklären. Wir folgten den Spuren der aus Neustadt Geflohenen nach Hannover, Bremen, Hamburg, Amsterdam und Auschwitz – um nur einige Orte zu nennen. Zur Aufklärung der geheim gehaltenen Geschichte des Fliegerhorstes Wunstorf reisten wir zunächst nach Freiburg/Breisgau und dann nach Gernika (Guernica) ins spanische Baskenland.

Auch als wir uns anderen Themen zuwendeten, z. B. der Geschichte der Hexenprozesse im Fürstentum Calenberg-Göttingen im 16. Jahrhundert, zeigte sich bald, dass diese Ereignisse ohne die Kenntnis der Reformation in Deutschland und der Revolution in den Niederlanden kaum verständlich waren.

Bei der Recherche zur Geschichte der Zwangsarbeit beim hannoverschen Reifenkonzern Continental mussten wir uns mit den mörderischen Lebensbedingungen von Kautschukpflückern in Südamerika, Afrika und Asien und von Zwangsarbeiterinnen in den Konzentrationslagern des Unternehmens befassen.

Einmal mehr wurde deutlich, dass regionale Geschichtsschreibung nur dann sinnvoll betrieben werden kann, wenn überregionale Vorgänge und Strukturen mit einbezogen und reflektiert werden. Die Beschränkung auf den eigenen Ort, die eigene Region – wie sie in der Heimatkunde immer noch vorherrscht – muss zwangsläufig zu Fehlinterpretationen führen.

Diese Einschätzung konnte nicht ohne Konsequenzen für die öffentliche Präsentation unserer Forschungsergebnisse bleiben. Hatten wir bislang die traditionellen Möglichkeiten von Öffentlichkeitsarbeit genutzt, wie Vortrags- und Filmveranstaltungen, Zeitungsartikel, Ausstellungen, Buchpublikationen, wendeten wir uns ab 1999 auch der Radioarbeit zu. Radio Flora, ein in der Tradition der Freien Radios arbeitendes „Bürgerradio“ aus Hannover, bot die inhaltlichen und technischen Möglichkeiten, Beiträge zu historischen Themen zu produzieren und auf UKW zu senden. Allerdings war die Reichweite dieses Radios regional begrenzt, auf einen Radius von etwa 35 km um Hannover. Die politisch begründete Verweigerung der Verlängerung der UKW-Lizenz durch die Niedersächsische Landesmedienanstalt und die damit verbundene forcierte Umstellung im April 2009 auf den ausschließlichen Betrieb eines Internetradios bedeutete einerseits den Verlust von HörerInnen in der Region Hannover, bot aber andererseits neue Möglichkeiten, historische Themen auch überregional zu präsentieren. Wir produzierten Sendungen zu unterschiedlichen historischen Themen, wobei ein Schwerpunkt auf der Militärgeschichte der Region Hannover lag. In verschiedenen Radiobeiträgen thematisierten wir die „vergessene“ Geschichte der Fliegerhorste Wunstorf und Langenhagen. Insbesondere ging es um die Ausbildung von Bomberbesatzungen für die Legion Condor während des Spanischen (Bürger-) Krieges und die Zerstörung der baskischen Stadt Gernika, aber auch um die Vorgeschichte der Bombardierung Gernikas und ihre Nachwirkungen. Ferner produzierten wir ein Radiofeature über den Angriff der deutschen Luftwaffe auf Polen am 1. September 1939 und die Rolle, welche die Luftwaffeneinheiten aus der Region Hannover bei der Bombardierung von Wohnvierteln spielten, speziell von Vierteln mit überwiegend jüdischer Bevölkerung und auf dem Internationalen Frauensendeplatz erinnerten wir an das Frauen-KZ auf dem Gelände der Reifenfabrik Continental in Hannover-Limmer.

Ohne das jahrzehntelange ehrenamtliche Engagement der Aktiven wären die aufwändigen Forschungs- und Publikationsarbeiten unmöglich gewesen.

In einer Reihe von Publikationen, in Ausstellungen, zahlreichen Veranstaltungen und Radioarbeiten wurde und wird an die Opfer der NS-Diktatur erinnert: Jüdinnen und Juden, Sinti, Mitglieder der Arbeiterorganisationen, ausländische Arbeiter und Arbeiterinnen, Kriegsgefangene u.a. Aber auch die Täter und Nutznießer der Gewaltherrschaft blieben nicht ungenannt. Für unser Projekt „Zwangsarbeit während der NS-Zeit in der Region Hannover“ wählten wir eine neue Publikationsmethode: Als „work in progress“ werden die Forschungsergebnisse laufend auf unserer Internetseite veröffentlicht. Auf diese Weise entstand die umfangreichste Dokumentation der Zwangsarbeiterlager in der Region Hannover.

Um auch im öffentlichen Raum das Andenken an die Opfer der NS-Diktatur und des Rassenwahns wach zu halten, setzte sich der Arbeitskreis Regionalgeschichte für das Anbringen einer Gedenktafel am ehemaligen Standort der jüdischen Synagoge in Neustadt ein und konnte dieses Anliegen schließlich mit Unterstützung vieler Menschen realisieren. Der Antrag, Straßen in Neustadt nach ermordeten Jüdinnen, Juden und Sinti zu benennen, den 500 Menschen mit ihrer Unterschrift unterstützten, war im Ortsrat der Stadt Neustadt politisch nicht durchzusetzen. Der Arbeitskreis Regionalgeschichte unterstützt nun die Initiative, ein Mahnmal für die ermordeten und vertriebenen jüdischen Neustädterinnen und Neustädter zu errichten und organisiert das Verlegen von Stolpersteinen.

Die immer wieder zu beobachtende Verharmlosung der NS-Diktatur, das Wiederaufleben antisemitischer und rassistischer Propaganda und der zunehmende Militarismus sind Gründe genug, die Arbeit fortzusetzen. Notwendigerweise befassen wir uns daher auch mit der (Sozial-) Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und den Auswirkungen der gegenwärtigen deutschen- Innen- und Außenpolitik.

Es bleibt noch viel zu tun.