Arbeitskreis Regionalgeschichte wird Kooperationspartner des Gymnasiums beim Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“
Grußwort anlässlich der Feier zum 60jährigen Jubiläum des Gymnasiums Neustadt a. Rbge. 28.8.2026
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,
vielen Dank für die Einladung zur Jubiläumsfeier des Gymnasiums. Dass der Arbeitskreis Regionalgeschichte als externer Kooperationspartner des hiesigen Projektes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ausgewählt wurde, freut uns natürlich. Es handelt sich um eine neue Form der jahrelangen, nein man muss sagen jahrzehntelangen Kooperation zwischen Gymnasium und Arbeitskreis Regionalgeschichte. Gegründet wurde der Arbeitskreis 1981, also vor 45 Jahren mit dem Ziel die in Neustadt vollständig verschwiegene NS-Geschichte aufzuarbeiten. Und schon in den ersten Arbeitsgruppen – damals noch an der Kreisvolkshochschule – waren Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium beteiligt. Wir begannen systematisch nicht nur das Schicksal der NS-Opfer aufzuarbeiten, sondern auch die Geschichte der zivilen und militärischen Täter. Wir publizierten Bücher, Broschüren und Wanderausstellungen, die auch in den Neustädter Schulen als Arbeitsmaterial genutzt werden. Einige unserer Ausstellungen wurden bundesweit in einer Reihe von Städten präsentiert. Eine Ausstellung wurde ins Baskische und Spanische, eine ins Englische übersetzt und im spanischen Baskenland und in Dänemark gezeigt. Neben der Forschungsarbeit in regionalen, überregionalen und internationalen Archiven setzten wir uns von Anfang an auch für das öffentliche Gedenken ein. Genannt seien die Gedenktafel am ehemaligen Standort der Neustädter Synagoge, die inzwischen 33 Stolpersteine und das 2018 eingeweihte zentrale Holocaustmahnmal, das von drei Schülerinnen des Gymnasiums entworfen wurde. Die Zusammenarbeit war vielfältig: Schülerinnen und Schüler waren vor Ort, wenn Stolpersteine verlegt oder gereinigt wurden, wenn der jüdische Friedhof gepflegt wurde, sie beteiligten sich in Kooperation mit der Künstlerin Kerstin Faust mit eigen Arbeiten an einer Kunstausstellung zum Thema „Antisemitismus und Rassismus“ und auch am „Jugendkunstobjekt“ „Ein Zeichen setzen“, das an der Theresenstraße stand und für das zur Zeit ein Platz am Rathaus gesucht wird. Darüber hinaus fanden unzählige Stadtrundgänge mit Schülerinnen und Schülern statt. Für ihr jahrelanges kontinuierliches Engagement und die kollegiale Zusammenarbeit möchte ich mich auch bei allen beteiligten Lehrerinnen und Lehrern bedanken. Eine weitere Besonderheit, die mit unserer Forschungsarbeit und dem Gymnasium zu tun hat, ist der SchülerInnenaustausch mit einer Schule in Gernika/Guernica. Es ist ein ganz besonderer Austausch: Ausgangspunkt ist nämlich die „gemeinsame“ Geschichte der Region Neustadt/Wunstorf und der Stadt Gernika. Ein Teil der Täter, die Gernika im April 1937 in Schutt und Asche bombten, war auf dem Fliegerhorst Wunstorf dafür ausgebildet worden. Die grauenhafte Militärgeschichte wird in diesem Austauschprojekt nicht vertuscht, sondern zum Ausgangspunkt genommen, um auf die Nachkommen der Opfer zuzugehen und etwas qualitativ Neues zu entwickeln.
William Faulker schrieb mal: „Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen.“ Wie recht er hatte, kann jeder beobachten, der sich auch nur ein wenig mit den aktuellen politischen, ökonomischen und militärischen Entwicklungen befasst. Sündenbockpolitik und Rassismus sind wieder salonfähig nicht nur bei bei offensichtlich rechten Parteien. Der Antisemitismus nimmt zu – auch in der deutschen Gesellschaft, aus der er nie verschwunden war. Die NS-Diktatur und der Vernichtungskrieg gegen Juden und Slawen wird auf unterschiedliche Weise verharmlost, der Zusammenhang zwischen Krieg, Antisemitismus und Holocaust geleugnet.
Und manchmal kommt alles zusammen, wird überdeutlich – wie heute in Neustadt. Gerade komme ich von einer Gedenkveranstaltung anlässlich des bevorstehenden 1. September, des Jahrestages des Angriffs der Wehrmacht auf Polen (des Beginns des Zweiten Weltkrieges) am Gräberfeld für ausländische Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen und Kriegsgefangene auf dem Friedhof Lindenstraße. Gleich nebenan auf dem Sportplatz wird militärisches Gerät aufgefahren und wieder nebenan stehe ich nun um ein Grußwort zur Zusammenarbeit mit den Projekt „Schule ohne Rassismus“ zu sprechen. Angesichts der grassierenden Geschichtsvergessenheit kann ich diesem Projekt nur aus ganzem Herzen Erfolg wünschen. Und als jemand, der in einer durch den Krieg traumatisierten Familie aufwuchs, wünsche ich angesichts der aktuellen Entwicklungen insbesondere den jungen Leuten ein Leben ohne Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus, Repression und Krieg. Doch wünschen reicht leider nicht mehr aus. Wir müssen uns gemeinsam dafür einsetzen.
Hubert Brieden für den Arbeitskreis Regionalgeschichte
